29/07: Sambia: Afrikamüde

Mit viel Liebe werden hier von Hand Möbel hergestellt. Die fertigen Möbel stehen dann in Sonne, Wind und Regen, bis sie jemand kauft. Oder auch nicht.
Ich bin ein bisschen Afrika-Müde. Mich nerven Apathie und Ignoranz vieler Ostafrikaner gegenüber den Dingen, die sie tun und auch gegenüber ihren Mitmenschen. Auf kaputte Motoren wird mit dem Hammer eingeschlagen, bis sie entweder funktionieren oder ganz hinüber sind. Dorfplätze füllen sich mit Plastikmüll, während ihre Bewohner in der Sonne dösen und ihre Kinder im Abwasserkanal spielen. Tankstellenwärter winken uns an Zapfsäulen, die nicht funktionieren. Es gibt keine Briefkästen und die Post hat nur stundenweise geöffnet - wann, weiß keiner so genau, denn die Uhr auf dem Vorplatz geht schon lange nicht mehr.
Afrikaner schaffen es sogar, einen mehrspurigen Kreisverkehr lahmzulegen, da niemand wartet oder ausweicht. Man braucht 10 Minuten, um eine große Straße zu überqueren und dann noch mal 10 Minuten, um eine Lücke zum Losfahren zu finden. Supermarkt-Besucher stellen ihre Wagen prinzipiell quer zum Gang, um dann irgendwohin zu verschwinden. Für jeden Kunden vor mir an der Supermarktkasse kann ich 15 Minuten rechnen, denn die Kassierer zeigen mit abwesendem Blick und Bewegungen in Zeitlupe, dass sie eigentlich gar nicht hier sind.
Es macht keinen Sinn, Polizisten nach dem Weg zum Amt zu fragen oder eine Versicherungs-Rezeptionistin nach dem richtigen Büro. Ein Eierverkäufer weiß nicht, dass sein Nachbar Brot verkauft und umgekehrt. Frage ich einen Tomatenverkäufer nach dem Preis für seine Tomaten, schaut er mich an, überlegt länger und nennt dann eine Summe. Ich kann mir aussuchen, ob er diese Frage für unanständig hält oder wirklich überlegt, was er einer Weißen für einen Preis berechnen kann.

Diese Teerstraße wurde einfach auf den sandigen Untergrund "gelegt"
Ich bin es manchmal so satt, dass nichts einfach funktioniert. Ich weiß, ich bin ungerecht und mir ist klar, dass das Problem auf meiner Seite liegt. Ostafrika ist das Land der Ostafrikaner und ich mit meiner deutschen Brille urteile nach Maßstäben, die hier nicht gelten. Das wirkliche Anderssein einer fremden Kultur ist nicht das unterschiedliche Essen, andere Tiere, Bäume oder Häuserformen. Es ist das, was die Menschen für so normal halten, dass sie sich nicht vorstellen können, dass es irgendwo auf der Welt anders sein könnte. Und das gilt auch für mich, sonst wäre ich nicht so frustriert und persönlich betroffen, wenn die Menschen um mich herum die Dinge so tun, wie sie es für richtig halten.
Was ist also normal? In meiner Welt kann man Fragen stellen und bekommt Antworten. Sind Dinge geklärt, ist Schluss. Diese Waren kann man für folgenden Preis kaufen. Diesen Service können Sie von mir haben. Die Versicherung bietet folgende Leistungen. Bohrt man weiter, stößt man auf Unverständnis, werden freundliche Menschen genervt: nein, so geht das nicht, das bieten wir nicht an, lesen Sie die Beschreibung!
In Afrika ist es genau umgekehrt: in ersten Schritt scheint nichts zu gehen, aber je länger man redet, desto mehr Möglichkeiten bieten sich. Ein Angestellter kann uns zwar die Versicherungskarte nicht verkaufen, geht aber mit uns auf die Straße, um uns ein anderes Büro zu zeigen und gibt uns seine Privatnummer, sollten wir dort nicht weiter kommen. Eine Tomatenverkäuferin verhandelt hart um den Preis, fast streiten wir, dann kaufe ich die Tomaten und sie schenkt mir noch ein paar Tomaten dazu, lacht und wünscht mir eine gute Reise. Bodo möchte Schmierfett kaufen, niemand in dem Laden hat Lust, jetzt zu arbeiten. Schließlich spricht ein Wachmann ein Machtwort, ein Verkäufer steht auf und sucht das Gewünschte zusammen, lachend und kein bisschen ungehalten über den Anschiss.
Bei uns muss man sich beweisen und funktionieren, dann ist man sicher. Die Bösen werden bestraft, gute Taten belohnt, sagen die Märchen. Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst, sagt das Kino. Regeln gelten für alle, zumindest theoretisch. In Afrika geht es um das bestmögliche Überleben. Nimm Dir, wenn es möglich ist, ansonsten geht es auch irgendwie weiter. Sicherheit gibt es nicht. Natürlich gelten Regeln nicht für alle. Böse Taten werden selten bestraft. Sei trotzdem gut, wenn es geht.

Liebevoll gestaltete Werbung für einen Shop, der gar nicht existiert.
Ein Freund bescheißt Dich, weil er in Not ist. In Deutschland ein Grund, die Freundschaft zu kündigen, denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.... Und es zeigt nur, dass der Freund kein Vertrauen hat, sonst hätte er einfach um Hilfe bitten können. Die selbe Situation: In Afrika vielleicht ein Streit, vielleicht aber auch nur ein Schulterzucken. Der Freund war in Not, oder nicht? Kann jedem mal passieren. Vic Guhr ist in seinem Buch "The Trouble With Africa" der Meinung, wir hätten das Einfache verlernt, das Leben, wie es ist. Ein interessanter Ansatz, über den ich noch nachdenke, während ich das Schulterzucken übe.