Reeda

Wenn man durch Libyen reisen will, braucht man einen Führer. Das ist per Gesetz so geregelt, und es gilt auch dann, wenn man das Land wie wir auf kürzestem Weg durchqueren will, weil man möglichst schnell zum nächsten will. Der Führer reist mit im Auto und hat offiziell die Aufgabe, den Reisenden durch das Land zu führen. Gute Führer kennen das Land wie ihre Westentasche, sie sind weltgewandt, sprechen mehrere Sprachen und wissen ansonsten so ziemlich alles, was man als Reisender fragen kann.

Unser Führer hieß Reeda, war 22 Jahre alt, Berber und wusste nichts. Wir waren seine erste Reisegruppe, die er zu betreuen hatte, und zuvor hatte er seinen Heimatort Zouara nur dann verlassen, wenn es unbedingt nötig war. Er wusste weder, wo die Grenze lag, noch wie man dorthin gelangte. Ohne unser Kartenmaterial hätten wir es mit Reedas Hilfe vermutlich nicht einmal bis zur nächsten Tankstelle geschafft.

Reeda sprach wenig, und da er sein Land ohnehin nicht kannte, blieben wir von dem ganzen Gerede verschont, von dem erfahrene Führer annehmen, dass es die Reisenden interessiert. Das machte das Ganze zu einer angenehmen Sache. Wenn Reeda wollte, dass wir anhalten, dann sagte er auf englisch "Stop". Wenn er wollte, dass wir weiterfuhren, sagte er "Go". Reeda ließ alles Überflüssige weg, auch die Kopien unserer Reisepapiere, die er als Führer an jeder der zahlreichen Polizeikontrollen vorzeigen musste. Also suchten wir einen Copyshop, nicht ohne Reeda vorher zu sagen, wie viele Kopien er bis zur Grenze noch benötigen würde.

Richtig gesprächig wurde er nur abends, wenn er mit seinem Handy eine Videokonferenz mit seiner Freundin abhielt, mit der er noch nie alleine gewesen war. Dann verließ er die Gruppe, und wer ihn beobachtete (das tat ich oft), konnte sehen, dass sein Lachen die untergehende Sonne überstrahlte. Das Schlimmste, was ihm passieren konnte war folgerichtig, dass sein Handy leer war, entweder der Akku, oder (schlimmer) das Guthaben auf seiner Prepaid-Karte. Oft scheiterte es daran, dass er kein Geld hatte. Ich gab ihm dann welches. Beim ersten Mal kaufte er davon ein Lederarmband, gab es mir und sagte "Nun sind wir Freunde". Auch sonst ging er niemals einkaufen, ohne für uns von seinem Geld etwas mitzubringen, manchmal eine Orange und manchmal Schokolade.

Irgendwann erzählte er mir von seinem großen Traum, nach Amerika zu gehen und dort zu arbeiten. Ich verschonte ihn mit meinem Wissen darüber, wie groß die Chancen für Libyer sind, in Amerika eine Green Card zu erhalten.

Zu Silvester besorgte er uns von seinem Geld eine Flasche Schnaps, wir hatten wohl zu laut nachgedacht. Das Gesöff roch wie nichts, was ich jemals zuvor getrunken hatte, und Reedas Erklärung, das Zeug käme von einem Bulgaren, machte die Sache nicht besser. Er sagte, man nenne es in Libyen Mtyl. Das klang verdächtig nach Methyl, und auf vorsichtiges Nachfragen erzählte Reeda, dass zwei seiner besten Freunde auf unerklärliche Weise erblindet seien, sie müssen wohl krank gewesen sein.

Wir verzichteten also auf den Silvesterumtrunk aus Reedas Flasche, was ihn aber nicht davon abhielt, den Auftrag alleine zu erledigen. Eine gute halbe Flasche des Schädelspalters vernichtete er bravourös, probierte zwischendurch von der einzigen Flasche Bier, die wir noch hatten, und er kostete auch von unserem Achtelliter Rotwein.

Als wir am nächsten Tag wie immer um neun losfahren wollten, schlief Reeda noch. Er schlief auch um zehn noch, aber irgendwann gelang es uns, ihn auf die Beine zu stellen. Er fragte, höflich wie immer, ob er noch duschen dürfe, und nachdem wir ihm zwei in Wasser aufgelöste Aspirin eingeflößt hatten, durchmaß er den Innenhof des Campingplatzes mit großen Schritten.

Die ersten Stunden der später folgenden Fahrt haben in Reedas Kalender vermutlich nicht stattgefunden, aber irgendwann sagte er, dass er eine Cola kaufen wolle. Wir hielten an, er stieg aus, schaffte zwei Meter und kotzte dann mannhaft die nächstbeste Wand an. Wir kamen immer besser miteinander aus.

Reedas Englisch war brauchbar, trotzdem brachte er uns immer wieder zum Lachen, wenn er zum Beispiel bei einem Fotostopp an einem wilden Kamel statt "Can we feed it" (Können wir es füttern?) verstand "Can we eat it?" (Können wir es essen?).

Es war erfrischend zu sehen, wie er sich während unserer gemeinsamen Zeit immer besser in seiner Rolle zurecht fand. Er war leise und unscheinbar in unserem Beisein, aber sehr bestimmt mit den Polizisten, die uns kontrollierten. Im Laufe der zehn Tage, die wir miteinander verbringen durften, kaufte er sich alles zusammen, was er für eine solche Reise für nötig hielt. Das war eine neue Taschenlampe, ein Kerzenhalter für die mitgebrachten Kerzen und ein neues Feuerzeug. Das legte er dann abends in sein Zelt, das er zuvor noch nie aufgebaut hatte, und dann pumpte er meine Luftmatratze auf, denn eine eigene hatte er nicht.

Wenn wir essen gingen, bestellte er für sich immer das billigste Gericht, und wir mussten ihn regelrecht zwingen, ordentlich zu essen. Er sagte dann immer, er brauche nicht viel, und vermutlich stimmte das sogar.

Irgendwann standen wir vor der Grenze, und Reeda sagte, er müsse nun gehen. Wir umarmten uns kurz, langwierige Abschiedszenen sind in Arabien nicht üblich, und ich hielt mich tapfer. Das Ziehen in der Magengegend kam erst hinter der Grenze, als der Platz, auf dem Reeda immer gesessen hatte, leer blieb.

Reeda, mein weitgereister Freund, mögest du es bis nach Amerika schaffen, Leute wie du werden dort dringend gebraucht. Und unser Aspirin ist wirklich Scheiße, es hilft mir auch nicht.