Reiseberichte

You are currently viewing archive for January 2010
Category: Ägypten
Posted by: sabine
Camping Kairo
Kairo Camping

Heute, nach 2000 Kilometern und drei Ländern in wenigen Tagen, ist Ruhe angesagt. Mitten im Kairoer Wahnsinn liegt unser Campingplatz, wir waschen, ruhen aus, backupen und quatschen mit den Leuten.

Kairo Camping

Das ist Stephan, allein mit seiner Yamaha Ténére nach Kapstadt unterwegs. In Uganda stoppt er für zwei Monate, um in einem sozialen Projekt mitzuarbeiten.



Chris reist seit nunmehr 12 Jahren in seinem zerbeulten und alten, aber auch absolut reiseoptimierten Landrover um die Welt und hat auf der Rückseite seines Autos alle besuchten Länder in Südamerika, Russland, Asien und Afrika aufgelistet. Jetzt möchte er zurück in seine Heimatstadt Kufstein und freut sich auf Knödel, Schnitzel, die Berge und seine Mutter. Abends überlegen wir, in was für ein verändertes Europa Chris zurück kehrt; in ein Europa der kulturellen Gleichmacherei durch großen Handelsketten und Traditionsexport und wie viel Heimat aus der Erinnerung dann noch da ist.

Seine Freundin Laura ist Italienerin, hat aber einen australischen Pass. "Ich hatte bis jetzt drei Leben", erzählt sie. "Erst Übersetzerin bei der UNO, dann habe ich Nobelklamotten nach Australien exportiert und dann bin ich Reiseleiterin geworden. Und das bleibe ich auch". Sie betreut Overland-Reisegruppen in Afrika und Südamerika. Das ist ein harter Job, denn bei dem Overland-Konzept reisen 26 Leute in einem LKW oder Bus, leben, einkaufen und kochen zusammen und schlafen in Zelten. Es gibt einen Fahrer und einen Reiseleiter, die sich um alles, aber wirklich auch alles rund um die Uhr kümmern müssen. Was denn die dümmste Frage gewesen sein, die ihr je gestellt wurde, möchte ich wissen. Laura grinst: "Keine Ahnung, aber die Leute sind total besessen von Tragezeiten. Einer fragte mich: 'Wie lange tragen Elefantenkühe? Und Giraffen? Und Massaifrauen?'"

Ansonsten sind da noch drei Motorradfahrer aus England auf dem Weg nach Namibia. Der Vater fährt mit Sohn und Schwiegertochter in einem Jahr diese Strecke, ein tolles Stück Familiengeschichte. Sie kommen aus London und sind von Ägypten weniger begeistert, genauer von den Ägyptern, die so offensichtlich lügen, um ein Geschäft zu machen und prinzipiell immer zu nah kommen für englische Maßstäbe.

Ein junges Pärchen aus Lüneburg fährt in einem alten Pinzgauer ebenfalls nach Süden. Sie haben sehr wenig Geld und eine uralte und sehr einfache Ausrüstung, sie wissen nicht genau, was sie erwartet, aber es wird schon alles gut gehen und sie sind guter Dinge.

Am Abend vor unserer Abreise kommt noch ein großer MAN aus Göttingen an. Volle Ausrüstung mit teurem Kabinenaufbau, 4 zusätzlichen Scheinwerfern vorne und großem Motorrad hinten. Die beiden Besitzer sind sehr braun gebrannt und erzählen, sie kommen gerade aus dem Sinai, 2 Wochen Schnorchelurlaub. Davor sind sie durch die Mongolei gefahren und wollten eigentlich nach Indien, aber die deutsche Botschaft hat ihnen keine Empfehlung für den Iran ausgestellt, da haben sie ihre Pläne geändert. Nächste Woche gehts zurück nach Deutschland über die Türkei, Jordanien und Syrien. Sie hätten genug erlebt, sagen sie, und freuen sich wieder auf zu Hause.



Wir haben auch genug, von Kairo und vom Campingplatz und brechen morgen auf Richtung schwarze und weiße Wüste mit Ziel Dakhla.
Category: Ägypten
Posted by: sabine
OK, wir haben's verstanden. In Kairo sind wir als Touristen nicht mehr als wandelnde Gelddruckmaschinen und für jeden Ägypter ein gefundes Fressen. Es geht für uns also hauptsächlich darum, wenn schon sowieso immer beschissen zu werden, so doch zumindest den Rahmen des Beschissenwerdens so klein wie möglich zu halten.

Taxi Kairo

Taxifahren ist dabei die Alltags-Königsdisziplin. Von einem Deutschen hier auf dem Campingplatz haben wir den Tipp bekommen, dass es in die Kairoer Innenstadt 15 bis 20 Pfund kostest (2 bis 2,5 Euro). Der erste Taxifahrer, dem wir diesen Preis vorschlagen, gönnt uns keinen weiteren Blick und rast davon. Also gut. Der nächste möchte handeln, geht aber nicht unter 50. Wir sind noch ausgeschlafen und versuchen's weiter.

Taxi Kairo

Ein paar Taxis weiter (zum Glück gibts massig Taxis) haben wir unseren Preis und steigen bei Eddie Murphy ins Auto, dieselben Augen, dieselbe Stimme. Nur spricht Eddie kein Englisch. In seinem uralten Lada sitzen wir praktisch auf dem Asphalt. Fenster und Türgriffe gehen nicht mehr. Alles klappert, das Radio dudelt blechernen arabischen Pop, Eddie rast durch den Kairoer Berufsverkehr und grinst fröhlich. "Schade", sagt Erich, "man müsste mehr Arabisch sprechen. Ich kann ja nur Miamia (perfekt) und Habibi (mein Liebling)." "Shukran", schreit Eddi, "I love you too!".

Taxi Kairo

Im Verlauf des Tages haben wir dann weniger Glück mit den Taxifahrern. Einer kann nicht lesen und möchte uns plötzlich irgendwo rausschmeissen, weil er die Straße nicht findet. Ein anderer schimpft lautstark auf den Verkehr und möchte uns partout zu den Pyramiden fahren. Das allerdings überrascht nicht, denn uns möchte jeder Taxifahrer zu den Pyramiden fahren.

Taxi Kairo

Unser letzter Taxifahrer macht den Fifteen - Fifty Trick. Ausgemacht ist 15 Pfund, er fährt eine große Ehrenrunde durch Kairo und siehe da, das Taxameter geht gegen 50 Pfund, und das habe er ja auch schließlich gesagt, und natürlich haben wir das mit den fünfzehn falsch verstanden. Wir geben ihm 15 Pfund, steigen aus dem Auto und haben seit Tagen zum ersten Mal das Gefühl, als Gewinner aus einem ägyptischem Geschäft herausgegangen zu sein.

20/01: Libyen: Reeda

Category: Libyen
Posted by: bodo
Reeda

Wenn man durch Libyen reisen will, braucht man einen Führer. Das ist per Gesetz so geregelt, und es gilt auch dann, wenn man das Land wie wir auf kürzestem Weg durchqueren will, weil man möglichst schnell zum nächsten will. Der Führer reist mit im Auto und hat offiziell die Aufgabe, den Reisenden durch das Land zu führen. Gute Führer kennen das Land wie ihre Westentasche, sie sind weltgewandt, sprechen mehrere Sprachen und wissen ansonsten so ziemlich alles, was man als Reisender fragen kann.

Unser Führer hieß Reeda, war 22 Jahre alt, Berber und wusste nichts. Wir waren seine erste Reisegruppe, die er zu betreuen hatte, und zuvor hatte er seinen Heimatort Zouara nur dann verlassen, wenn es unbedingt nötig war. Er wusste weder, wo die Grenze lag, noch wie man dorthin gelangte. Ohne unser Kartenmaterial hätten wir es mit Reedas Hilfe vermutlich nicht einmal bis zur nächsten Tankstelle geschafft.

Reeda sprach wenig, und da er sein Land ohnehin nicht kannte, blieben wir von dem ganzen Gerede verschont, von dem erfahrene Führer annehmen, dass es die Reisenden interessiert. Das machte das Ganze zu einer angenehmen Sache. Wenn Reeda wollte, dass wir anhalten, dann sagte er auf englisch "Stop". Wenn er wollte, dass wir weiterfuhren, sagte er "Go". Reeda ließ alles Überflüssige weg, auch die Kopien unserer Reisepapiere, die er als Führer an jeder der zahlreichen Polizeikontrollen vorzeigen musste. Also suchten wir einen Copyshop, nicht ohne Reeda vorher zu sagen, wie viele Kopien er bis zur Grenze noch benötigen würde.

Richtig gesprächig wurde er nur abends, wenn er mit seinem Handy eine Videokonferenz mit seiner Freundin abhielt, mit der er noch nie alleine gewesen war. Dann verließ er die Gruppe, und wer ihn beobachtete (das tat ich oft), konnte sehen, dass sein Lachen die untergehende Sonne überstrahlte. Das Schlimmste, was ihm passieren konnte war folgerichtig, dass sein Handy leer war, entweder der Akku, oder (schlimmer) das Guthaben auf seiner Prepaid-Karte. Oft scheiterte es daran, dass er kein Geld hatte. Ich gab ihm dann welches. Beim ersten Mal kaufte er davon ein Lederarmband, gab es mir und sagte "Nun sind wir Freunde". Auch sonst ging er niemals einkaufen, ohne für uns von seinem Geld etwas mitzubringen, manchmal eine Orange und manchmal Schokolade.

Irgendwann erzählte er mir von seinem großen Traum, nach Amerika zu gehen und dort zu arbeiten. Ich verschonte ihn mit meinem Wissen darüber, wie groß die Chancen für Libyer sind, in Amerika eine Green Card zu erhalten.

Zu Silvester besorgte er uns von seinem Geld eine Flasche Schnaps, wir hatten wohl zu laut nachgedacht. Das Gesöff roch wie nichts, was ich jemals zuvor getrunken hatte, und Reedas Erklärung, das Zeug käme von einem Bulgaren, machte die Sache nicht besser. Er sagte, man nenne es in Libyen Mtyl. Das klang verdächtig nach Methyl, und auf vorsichtiges Nachfragen erzählte Reeda, dass zwei seiner besten Freunde auf unerklärliche Weise erblindet seien, sie müssen wohl krank gewesen sein.

Wir verzichteten also auf den Silvesterumtrunk aus Reedas Flasche, was ihn aber nicht davon abhielt, den Auftrag alleine zu erledigen. Eine gute halbe Flasche des Schädelspalters vernichtete er bravourös, probierte zwischendurch von der einzigen Flasche Bier, die wir noch hatten, und er kostete auch von unserem Achtelliter Rotwein.

Als wir am nächsten Tag wie immer um neun losfahren wollten, schlief Reeda noch. Er schlief auch um zehn noch, aber irgendwann gelang es uns, ihn auf die Beine zu stellen. Er fragte, höflich wie immer, ob er noch duschen dürfe, und nachdem wir ihm zwei in Wasser aufgelöste Aspirin eingeflößt hatten, durchmaß er den Innenhof des Campingplatzes mit großen Schritten.

Die ersten Stunden der später folgenden Fahrt haben in Reedas Kalender vermutlich nicht stattgefunden, aber irgendwann sagte er, dass er eine Cola kaufen wolle. Wir hielten an, er stieg aus, schaffte zwei Meter und kotzte dann mannhaft die nächstbeste Wand an. Wir kamen immer besser miteinander aus.

Reedas Englisch war brauchbar, trotzdem brachte er uns immer wieder zum Lachen, wenn er zum Beispiel bei einem Fotostopp an einem wilden Kamel statt "Can we feed it" (Können wir es füttern?) verstand "Can we eat it?" (Können wir es essen?).

Es war erfrischend zu sehen, wie er sich während unserer gemeinsamen Zeit immer besser in seiner Rolle zurecht fand. Er war leise und unscheinbar in unserem Beisein, aber sehr bestimmt mit den Polizisten, die uns kontrollierten. Im Laufe der zehn Tage, die wir miteinander verbringen durften, kaufte er sich alles zusammen, was er für eine solche Reise für nötig hielt. Das war eine neue Taschenlampe, ein Kerzenhalter für die mitgebrachten Kerzen und ein neues Feuerzeug. Das legte er dann abends in sein Zelt, das er zuvor noch nie aufgebaut hatte, und dann pumpte er meine Luftmatratze auf, denn eine eigene hatte er nicht.

Wenn wir essen gingen, bestellte er für sich immer das billigste Gericht, und wir mussten ihn regelrecht zwingen, ordentlich zu essen. Er sagte dann immer, er brauche nicht viel, und vermutlich stimmte das sogar.

Irgendwann standen wir vor der Grenze, und Reeda sagte, er müsse nun gehen. Wir umarmten uns kurz, langwierige Abschiedszenen sind in Arabien nicht üblich, und ich hielt mich tapfer. Das Ziehen in der Magengegend kam erst hinter der Grenze, als der Platz, auf dem Reeda immer gesessen hatte, leer blieb.

Reeda, mein weitgereister Freund, mögest du es bis nach Amerika schaffen, Leute wie du werden dort dringend gebraucht. Und unser Aspirin ist wirklich Scheiße, es hilft mir auch nicht.
Category: Ägypten
Posted by: sabine
Heute steht der Grenzübergang Libyen - Ägypten auf dem Programm. Im Kompakt-Reiseführer "Quer durch Afrika" nimmt diese Prozedur ganze 2 Seiten ein. Reisegruppen stehen vor Morgengrauen auf, um bis zum Abend alle Formalitäten erledigt zu haben. Erfahrene Reisende rühmen sich, es in unter 7 Stunden geschafft zu haben.

Welcome Egypt

Nicht, dass besonders viele Menschen über diese Grenze möchten oder zu wenig Personal vorhanden wäre. Im Gegenteil, es gibt für alle Aufgaben mehrere Gebäude voller Angestellter. Und gerade das ist ja das Problem. Die Ägypter haben von den Engländern aus der Zeit der Kolonialisierung die Bürokratie übernommen, nicht immer aber den Sinn dahinter. Man kämpft sich durch 5 Passstellen vorwärts, um dann einen Stempel zu bekommen, mit dem man wieder von vorne anfangen darf. Unsere Pässe werden mehrfach abgeschrieben. Ein Mechaniker kopiert die Motornummer. Dafür müssen wir unser Führerhaus kippen. Der Citroen von Erich und Alexandra hat keine Motornummer; das Auto wird feierlich verblombt und eingetragen. Hat man alle Dokumente beinander, muss man zum Kopierhaus und sich eine Akte anlegen lassen. Heute allerdings gibt es Probleme mit der Stromversorgung und eine große Menschentraube hängt schon vor den zwei offenen Bearbeitungsfenstern.

Wir geben auf und leisten uns einen Schlepper, der eine völlig unorientalische Eile an den Tag legt und uns im Laufschritt und 3,5 Stunden über die Grenze bringt. Da wir früh morgens an der Grenze waren, ist es jetzt gerade mal Mittag! Wir fahren durch die letzte Kontrollstation, die wieder mal unsere Pässe abschreibt, sind in Ägypten und freuen uns auf einen entspannten Tag.

Aber wo sind unsere Pässe? Die fahren in einem blauen Landcruiser Richtung Horizont, und wir hinterher. Das hat alles seine Ordnung, das ist die Polizei und wir sind plötzlich im begleiteten Konvoi. Nach 20 Kilometer bekommen wir unsere Pässe wieder, aber die Polizisten bleiben uns erhalten. Wir fahren noch 200 Kilometer und werden von den freundlichen Polizisten zu einer Tankstelle gebracht, die einen ruhigen Parkplatz zum Übernachten hat.

Dafür geben wir ihnen einen Kaffe aus, den wir im Tankstellen-Motel ordern. Und hier machen wir, müde und unvorsichtig, den klassischen Touri-Fehler: Wir fragen nicht vorher nach dem Preis. Ergebnis: 20 Euro möchte der Hotelier für sieben Kaffee, das ist der 10fache Straßenpreis. Entsetzt schauen wir die Polizisten an, die weiter freundlich grinsen und betonen, der Preis sei absolut korrekt. Abgezogen im Beisein der Polizei - Welcome in Egypt!
Category: Libyen
Posted by: sabine
Wir fahren Transit durch Libyen, jeder Tag mit dem Führer kostet. Wir müssen zudem wegen Problemen mit dem Auto der Österreicher mehrere Werkstätten aufsuchen und wissen nicht, ob das Auto überhaupt durchhält - eine Nervenprobe. Wir übernachten an vermüllten Stränden, vermüllten Parkplätzen und vermüllten Polizeistationen.

Aber eine Nacht lang können wir in der Wüste stehen, denn wir kürzen die Cyrenaika ab durch die große Sebka, 300 Kilometer großes, heißes Nichts. Links und rechts von uns nur Sand und Steine. Die Landschaft ist herrlich. Neben der Straße liegen Sandhaufen mit braunen Fasern - keine toten Kamele, sondern alte, von der Sonne aufgelöste und mit verwehtem Sand zugedeckte Reifen.

große Sebkha

Kurz vor Sonnenuntergang biegen wir von der Straße irgendwo einfach links. Auf einem Lehmplateau bleiben wir stehen, sammeln vertrocknete Büsche für ein Feuer und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Noch lange nach Sonnenuntergang ist es am Horizont hell, im Osten werden die ersten Sterne sichtbar, bevor auch der riesengroße, käsegelbe Vollmond langsam aufgeht.

große Sebkha

Schnell wird es kalt. Unser Lagerfeuer ist die einzige Licht- und Wärmequelle. Entfernt sich einer von uns vom Feuer, um weiteres Holz zu suchen, läuft er im Dunkel scheinbar auf dem Horizont, während sich seine seine Siluette schwarz vom Sternenhimmel abhebt. Unser alter Freund Orion leuchtet für uns auch an diesem Abend, bis wir in die Autos gehen und uns der Wüstenwind in den Schlaf singt.

große Sebkha

Category: Libyen
Posted by: sabine
Eine faszinierende Sache an Libyen ist der Verkehr. In Internetforen wird diskutiert, ob die Libyer eigentlich einen Führerschein brauchen oder einfach so ins Auto steigen und losfahren. Von 14-jährigen Chauffeuren ist die Rede und es wird davor gewarnt, mit dem eigenen Wagen nach Tripolis zu fahren. Lieber soll man sein Auto in Sabrata stehen lassen und die über 40 Kilometer mit dem Bus fahren.

Libyen Verkehr
Tierischer Geisterfahrer auf der Autobahn

Wir müssen durch Tripolis. Also stellt uns unsere Agentur einen kleinen Toyota mit Fahrer zur Verfügung, hinter dem wir mit unserem dicken LKW einfach herfahren sollen. Wir sind gespannt.

Kurz vor Tripolis wird der Verkehr sehr dicht. Die Straße ist zweispurig ausgebaut, aber die Straßenmarkierungen sind wohl eher eine freundliche Empfehlung. Autos überholen, indem sie einfach zwischen zwei Autos durchfahren oder den Standstreifen nutzen.

Die langsamsten Autos und uralten LKWs fahren komischerweise in der Mitte der Straße (unabhängig irgendwelcher Spurmarkierungen). Das könnte daher kommen, dass die Autos, die von rechts oder links auf die Straße fahren, dies einfach tun, ohne anzuhalten oder sich überhaupt umzuschauen.

Die Ampeln haben praktischerweise einen Countdown: in rot bzw. grün werden in einer Leuchtanzeige die Sekunden bis zur nächsten Ampelphase herunter gezählt. Ist die Ampel rot, sucht sich jeder einen Platz möglichst nah an der Ampel. So stehen am Ende auf den zwei Spuren bis zu 5 Autos parallel. Und befindet sich neben der Ampel noch ein Parkplatz oder eine Tankstelle, wird dieser Platz ebenfalls zum Warten benutzt. Innerhalb einer Minute ist so alles zugestellt. Springt die Ampel auf Grün, wuselt sich jeder so durch, wie es eben geht.

Das Erstaunlichste ist aber: es gibt keinen Stress. keine Hektik, alle Fahrer sind entspannt. Es gibt auch wenig Unfälle. Einen Auffahrunfall hat Bodo beobachtet: beide Beteiligten stiegen aus, betrachteten den Schaden ruhig, der Verursacher hat sich entschuldigt, beide steigen wieder ein und fahren in ihrer Richtung weiter.

Der Verkehr fließt, Staus lösen sich schnell auf, alle sind entspannt. Wie funktioniert das nur? Der Chef unserer Reiseagentur sagte. dass es ein telepathisches Netz gibt, in das sich jeder 17jährige Libyer automatisch einloggt. Und nach einigen Tagen mitten im libyschen Verkehr fühlen wir uns eigentlich ganz wohl. Und wenn jetzt noch irgendwo Hinweis- oder Ortsschilder stehen würden, wüßten wir sogar, wo wir hinfahren.
Category: Libyen
Posted by: sabine
An der libyschen Küste besuchen wir die tripolitanischen Ruinen der berühmten römischen Städte Sabrata, Oea (heute Tripolis) und Leptis Magna.

Leptis Magna

Nachdem die Römer in den punischen Kriegen die Phönizier aus dieser Gegend verjagt hatten, begannen sie erfolgreich, ihren eigenen Handel zu betreiben. Und als dann 193 n.Chr. mit Septimius Severus ein gebürtiger Tripolitaner den römischen Kaiserthron bestieg, wurde die Gegend richtig schick. Super Vergünstigungen wie z.B. Steuerbefreiung und großzügige Schenkungen sorgten für einen prachtvollen Ausbau der Städte.

So das Theater in Sabrata: in einer dreistöckigen, 22 Meter hohen Kulisse mit über 100 korinthischen Säulen und marmornem Bühnenrand konnten die bis zu 5.000 Zuschauer dem Stück folgen oder auf das dahinter liegende Meer schauen.

Sabrata

Sabrata

In Leptis Magna lebten bis zu 100.000 Einwohner, es war die drittgrößte römische Stadt nach Rom und Kathargo. Noch heute zu sehen sind die riesigen Bäder mit Wänden aus Marmor, Fußbodenheizung, Wassertoiletten und mehreren Pools. Die gesamte Stadt hatte fließendes Wasser und ein Abwassersystem unter den Straßen. Und das 1400 Jahre bevor sich die europäischen Königshäuser lieber puderten als wuschen und allen Unrat einfach in die Straßen kippten. Der ganze Marmor war allerdings auch dort noch beliebt: 1686 ließ der französische Konsul in Tripolis 600 Säulen nach Frankreich verschicken - für den Bau von Versailles.

Letpis Magna

Die römischen Städte der südlichen Mittelmeerküste fielen den Vandalen zum Opfer. Sie wurden zwar kurz wieder durch das oströmische Reich aufgebaut, mussten sich aber den arabischen Heerscharen der Antike ergeben. Jahrhundertelang blieben die Ruinen unbehelligt - bis Mussolini in der faschistischen Ära Italiens die Ausgrabungsarbeiten begann, "in dem Bestreben, den imperialen Glanz des antiken Rom zum Ruhme des Faschismus erstrahlen zu lassen" (Gerhard Göttler, Reise Know How Libyen).

Letpis Magna

Noch heute liegen die alten Schienen der italienischen Archäologen verrostet im Gras. 25 Prozent von Leptis Magna sind erst ausgegraben und trotzdem ist die Anlage riesig. Wir liefen 4 Stunden durch Häuser, Tempel und Hallen. Großartige Torbögen und begehbare Stadtmauerteile, die in Europa ein eigenes Museum bekämen, waren uns gegen Ende des heißen Sonnentages nicht mal mehr ein Foto wert. Große Marmorblöcke mit Inschriften werden vom Gras zurückerobert, es gibt kaum Hinweistafeln, fast keine Besucher und erst recht keine Aufpasser. Ganz allein kann man durch die Ruinen laufen und den römischen Geistern zuhören.

Letpis Magna

Category: Libyen
Posted by: sabine
Tripolis

In Libyen ist fast alles anders als erwartet. Libyen ist uninteressant, unzugänglich, irgendwie komisch, ein blinder Fleck auf der Landkarte der glücklichen Länder, die am Mittelmeer liegen dürfen? Individuell reisende Saharafans wissen natürlich, wie schön die libysche Wüste ist, auch wenn man die ständige Begleitung eines Führers und die hohen Kosten dafür akzeptieren muss.

Dazu kommt aber in Libyen: die Menschen sind sehr nett und gleichzeitig zurückhaltend, es gibt keine Anmache und sehr wenig Kommentare. Fast alle Frauen tragen Kopftuch, die Gleichberechtigung der Frauen ist aber im Vergleich zu Nachbarländern sehr hoch. Man sieht sehr viele Gastarbeiter, vor allem Schwarzafrikaner, die ihr hart erarbeitetes Geld über eine der vielen Money Gram oder Western Union Filialen in ihr Heimatland schicken.

Tripolis

Der Muezzin ruft auch hier zum Gebet und die Religion ist stark im Alltag verhaftet - aber strikt getrennt von der Politik. Das ist ein wichtiger Punkt und eine große Leistung der libyschen Regierung - die Trennung von Religion und Staat. Waffen-, Alkohol- und Drogenverbot sowie Selbstbewusstsein durch Bildung - das ist die erfolgreich umgesetzte libysche Politik. Der Wohlstand durch Erdöl- und Erdgasexporte hilft hier natürlich immens.

Libysche Dinare gibt es eigentlich nur in Scheinen. Münzen hat nur der Bäcker, denn das Brot ist staatlich subventioniert, sehr billig und sehr massig gebacken. Die Summen beim Einkaufen, Tanken oder im Restaurant werden eigentlich immer aufgerundet, so genau wird das mit dem Preis nicht genommen. Aber übers Ohr hauen möchte einen hier niemand. Einmal standen wir über Nacht auf einem Tankstellenparkplatz und ein LKW-Fahrer brachte uns einen eingepackten Teller mit Reis, Gemüse und einem Hähnchen - als Geschenk. Undenkbar in Deutschland.

Tripolis

Viele Libyer sprechen englisch, es gibt ein größeres Warenangebot als in Tunesien oder Marokko. Wir haben Shoppingcenter mit H&M, Timberland und Dell gesehen, Neuwagen aller Marken kosten im Vergleich zu Deutschland nur die Hälfte. Taxis und Busse sind günstig, ebenso die Übernachtungen (das Grand Hotel in Tripolis für 35 Euro/Nacht). Brot kostet fast nichts, billiger ist nur der Sprit.

Nach Tripolis gibt es hunderte Kilometer unbebaute Strände, warmes Mittelmeerwasser und unzählige Sonnentage. In Libyen wurde noch nie ein Tourist entführt (wenn man die Aktionen der Regierung außen vor lässt) und auch kein Anschlag verübt. Wenn Libyen in Massentourismus investieren würde, könnten Tunesien und Marokko einpacken. Aber genau das ist der Punkt: Libyen möchte gar nicht. Diese Einnahmen werden nicht gebraucht und wir vermuten, dass auch die ca. 180.000 Individualtouristen pro Jahr eher dafür da sind, das Bild von Libyen im Ausland aufzupolieren. Insgesamt ist Libyen für Touristen eine (teure) Perle. Und in der zukünftigen Weltpolitik, in einer Zeit, die von Schwankungen an der Börse und fundamentalistischen Übergriffen geprägt ist, ein wohl ein nicht mehr lange blinder Fleck.
Category: Libyen
Posted by: sabine
Libyen Einreise

Seit gestern sind wir in Libyen. Wir waren erst im Dunkeln an der tunesisch-libyschen Grenze, weil uns die Verabschiedung in Gabès länger aufgehalten hat. Wieder einmal sind wir drei Wochen in einem kleinen Ort hängen geblieben, haben zwar wenig von Tunesien gesehen, das wenige aber intensiv. Scheint sich bei uns immer so zu ergeben.

Die Ausreise aus Tunesien ist problemlos. Nur der Zöllner mit dem Stempel "Auto in Ordnung" möchte gerne mit 10 Euro geschmiert werden. Wir stellen uns erst doof (unsere Französisch-Kenntnisse werde plötzlich ganz schlecht), dann stur (sollen sie doch alles durchsuchen), haben dann aber keine Lust mehr und einigen uns auf 5 Euro. Was soll's.

An der libyschen Grenze erwartet uns schon Reeda, unser Guide. Wir müssen für den Besuch von Libyen eine Straßengebühr und eine unnötige, aber obligatorische Versicherung zahlen. Libyen darf auch nur mit Hilfe einer libyschen Reiseagentur bereist werde. Der Guide muss im Auto eines Reiseteilnehmers oder (teurer) im eigenen Auto mitfahren.

Die Preise für diesen "Service" variieren von Anbieter zu Anbieter. Bei unserer Agentur Medusa zahlen wir 40 Euro am Tag für den Guide, dazu dessen Verpflegung und Unterkunft und 160 Euro Rückreisegebühr, was happig ist, denn der Bus für diese Strecke kostet nur ca. 20 libysche Dinar / 12 Euro.

Insgesamt sind wir mit rund 900 Euro für eine Durchquerung von Libyen an der Küste entlang (ca. 1600 Kilometer) dabei. Ein teurer Spaß. Einziger Lichtblick ist der Dieselpreis: aktuell ca. 7,5 Eurocent der Liter. Wir fragen uns, wie die Tankstellen dabei verdienen können.

Auch an der libyschen Grenze wird unser LKW nicht durchsucht, wir müssen uns nur kurz im Einreisebrüo zeigen (wo der Einreisebeamte für uns Europäer extra den Mundschutz aufzieht) und warten dann zwei Stunden auf die Erledigung der Formalitäten und unsere neuen Kennzeichen. Gegen 22 Uhr ist unser Auto arabisch, und wir sind auf dem Weg in ein neues Abenteuer.

mat libysch
Category: Tunesien
Posted by: sabine
Souk

Jeden Sonntag findet in Gabès der Souk statt. Auf diesem Markt kaufen die Menschen alles, was sie brauchen. Es gibt zwar kleine Supermärkte mit Lebensmitteln, aber Kleider, Haushaltsbedarf, Vorratsmittel und wirklich frisches Obst und Gemüse gibts eben nur einmal die Woche auf dem Markt. Wir sind über den Souk geschlendert und haben unsere Eindrücke festgehalten.

Souk
Gefeilscht wird eigentlich nicht bei täglich gebrauchten Waren. Hier stehen die Preise ganz brav dran, alles nur Pfennigbeträge

Souk
Hereinspaziert! Und bitte ein Foto von mir! Kann er haben, der nette Kerl

Souk
Frisches Gemüse nach Wahl

Souk
Ein Ernussröster, der auch einen Schuss Rosenwasser in das Fett gegeben hat. Mmmmh. Diese Jungen haben kein Geld, bekommen aber trotzdem eine Tüte.

Souk
Gebrauchtkleider und -schuhe aus Europa für 1 Dinar (50 Eurocent) das Stück.

Souk

Souk

Ist der Souk zu Ende, werfen die Händler auf den Boden, was nicht mehr verkäuflich ist. Am nächsten Morgen ist auch das aufgesammelt, von den Ärmsten der Armen.
Souk




Category: Tunesien
Posted by: sabine
Matmata

Westlich von Gabès liegt eine Hügellandschaft, deren Boden sehr lehmhaltig ist. Die Bewohner kamen daher früh auf die Idee, ihre Häuser in den Boden zu graben. Die größte Stadt dieser Gegend, Matmata, ist mittlerweile ein großer Touristen-Anziehungspunkt, obwohl gerade hier eigentlich niemand mehr wirklich in den Höhlenwohnungen wohnt, sondern eher für die Fremden gegen Geld eine große Show abzieht. Wir fahren trotzdem hin.

matmata

Und so sehen die Höhlenwohnungen aus: ein großes Loch mit einem Durchmesser von ca. 10 Meter, einer Tiefe von ca. 6 Meter und einem flachen Boden ist der Mittelpunkt der Wohnung. Hier befindet sich auch der Brunnen oder gar ein Baum. Von diesem Platz aus werden Zimmer in den Boden gegraben, die kein Fenster, sondern nur eine Tür in den Innenhof haben. Vergrößert sich die Familie, wird entweder ein neues Zimmer ausgehoben oder ein neues Loch gegraben und mit dem ersten Loch verbunden. Das Klima in diesen Zimmer ist sehr angenehm kühl und gar nicht muffig.

Matmata

Eine berühmte Höhle ist als Hotel ausgebaut und man kann dort in einem spartanisch ausgestatteten Höhlenzimmer übernachten. Star Wars was here: Für den zweiten und den vierten Teil der Saga wurde hier gedreht. Wenn ich mich richtig erinnere, waren Luke Skywalkers Eltern hier zu Hause.


Und so sah das Set im Film "Krieg der Sterne" aus. Danke für das Bild an Larshomestead

Erich und Alexandra
Hier unsere Mitreisenden Erich und Alexandra aus Österreich

Category: Tunesien
Posted by: sabine
Zrouia

Heute fahren wir einige Stunden über eine bucklige Piste und besuchen eine verlassene Stadt. Die Einwohner waren in den 60er Jahren in moderne Neubauten umgesiedelt worden. Jetzt verfallen diese alten, über Generationen erdachten, erbauten, bewohnten und letztendlich verlassenen Häuser und Straßen.

Zrouia

Der Ort liegt wunderschön auf einem Hügel. Die engen Straßen sind teilweise in den Fels gehauen und führen an Hauswänden vorbei, die aus den Steinen der umliegenden Hügel gebaut wurden. Alles ist leer, nur der Wind pfeift durch die Gassen und Mauern. Durch runde Torbögen treten wir in in Innenhöfe, von denen Treppen und Emporen, Kellergewölbe und Wohnzimmer abgehen. Die Decken aus altem Palmholz sind noch erhalten, altes Geschirr liegt verstaubt in den Ecken. Kleine Singvögel haben den Ort erobert, ihr Gezwitscher und die warme Sonne auf den Lehmmauern begleiten uns auf unserem Rundgang.

Zrouia

Category: _ Spendenaktion
Posted by: sabine
--- In den letzten Tagen war Internet knapp - daher erst hier der Weihnachtsbericht... Die nächsten Tage gibt es viel Neues im Blog, daher oft reinschauen!---

Wir sind in Gabès, Tunesien, östliche Küste. Heute abend gibt es Roularden, Klöße und Salat, alles selbstgemacht, und dazu einen guten Wein. Unser tunesischer Campingplatzwart schüttelt den Kopf über Schweinefleisch und Alkohol, aber uns wird es sicher ausgezeichnet schmecken. Im Hintergrund liegt schon Feuerholz für ein großes Lagerfeuer bereit, wir sind von Palmen umgeben und über uns funkeln die Sterne. Könnte das irgendwie schöner sein?

weihachten

Eine Bescherung gibt es auch am Nachmittag. Zufällig ist eine Gruppe aus dem SOS-Kinderdorf da. Da die Campingplatzbesitzer wissen, dass wir Spenden dabei haben, werden wir eingeladen. Wir suchen schnell zwei Säcke Kleidung für Jugendliche heraus. Die etwa 15 Kids sitzen um einen Tisch herum und lassen sich über eine Musikanlage beschallen, mit der man auch die LoveParade bestreiten könnte. Bei dröhnendem Arabischpop übergeben wir die Kleider dem Heimleiter und ich darf über das Mikro noch viele Weihnachtsgrüße aus Deutschland auf arabisch und französisch radebrechen. Alle freuen sich und grüßen zurück - also: an alle Spender aus Berlin und Erftstadt, die uns die Sachen mitgegeben haben: Frohe Weihnachten!