Reiseberichte

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Category: Frankreich
Posted by: sabine
Vor dem Eiffelturm
Wir finden, dass ein Tag auf dem Eiffelturm in Paris ein würdiger Abschluss unserer Reise ist. Also lassen wir MAT und Rififi in Versailles, fahren ein bisschen S-Bahn und stehen ratzfatz vor dem Pariser Wahrzeichen.

Am 31. März 1898 eröffnete der Erbauer Gustave Eiffel mit einigen Honoren den damals höchsten Turm der Welt. Sportlichkeit war gefragt, denn es gab noch keine Aufzug-Alternative zu den 1710 engen Wendeltreppenstufen. Eiffel hisste feierlich die französische Fahne, laut seiner Aussage „die einzige Fahne mit einer 300 Meter langen Stange“. 21 Kanonenschüsse wurden ab- und der Turm für die Öffentlichkeit freigegeben.

Bei und nach seiner Erbauung liefen die Pariser noch lange Sturm gegen dieses „hässliche Ding“, das die Stadt „so verschandele“. Heute natürlich kein Wort mehr davon, stolz werden an allen Ecken Souvenirscheußlichkeiten und Führungen angeboten.

Eiffelturm Eiffelturm

1902 veranstaltete die Tageszeitung „le Sport“ die ersten Treppenmeisterschaften. 227 Männer starteten in einer merkwürdigen Gruppeneinteilung in Veteranen, Waisen, laufenden und gehenden Läufern sowie Fussballspielern. Der Gewinner, Messieur Forestier, brauchte 3 Minuten und 12 Sekunden zur zweiten Etage und gewann damit ein Fahrrad.

Eiffelturm Eiffelturm
1 Euro und man kann 5 Minuten lang den Parisern in die Wohnzimmer spannen.

1907 wurde auf der zweiten Plattform des Turms erstmals eine riesengroße Uhr installiert. Leuchtziffern von 6 m Höhe gaben die Uhrzeit in Stunden und Minuten an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Eiffelturm die Mittagsstunde wie bei Mary Popins durch einen Kanonschuss angegeben.

1932 dann die erste Sendung der Eurovision: die Krönung der Königin von England. Dank des Senders auf dem Eiffelturm konnte ganz Frankreich (bzw. die wenigen Menschen mit einem entsprechenden Empfangsgerät namens Fernseher) den Start der Ära Elisabeth und den Beginn des Glotzzeitalters verfolgen.

Eiffelturm Eiffelturm
Was für eine Konstruktion! Links der Eiffelturm von unten gesehen. Rechts: Aufzug zu Plattform 2.

Wegen der unterschiedlichen Steigungswinkel gestaltet sich die Installation der Aufzüge schwieriger als gedacht. Als es 1919 schließlich gelingt, steht größeren Besucherströmen nichts mehr im Weg. Über 1.000.000 Menschen waren schon auf dem Eiffelturm, uns eingeschlossen.

Wir laufen hoch, zu Fuß, Ehrensache, und blicken über diese Stadt, in der man alleine Monate verbringen könnte. Vielleicht ein ander Mal, denken wir uns, nach Westafrika, Osteuropa und wo wir sonst noch überall hinwollen. Diese Reise ist aber jetzt zu Ende und wir fahren zurück nach Deutschland. Abenteuer locken und lauern ja überall, da sind wir uns sicher.

29/05: Versailles

Category: Frankreich
Posted by: sabine
Versailles, Louis XVI und unser LKW, das geht schlecht zusammen. Die Empfangsfrau des Campingplatzes ist entsetzt ob unserer Reifen und verweigert uns die Einkehr. Wir würden den Untergrund zerstören. Die Dame hat den Zusammenhang zwischen Reifenbreite und Gewicht eindeutig nicht verstanden.

Auch die kleinen Gässchen, Einbahnstraßen und strikten Politessen („hoho“ macht Eine tatsächlich und hebt beide Hände, um uns zur Umkehr zur bewegen) machen es uns nicht leicht. Endlich finden wir ein Plätzchen direkt neben dem Park. Zwar stehen wir schräg und Busse donnern vorbei, dafür kostet es nix und die Busse fahren direkt nach Paris. Morgen geht’s auf den Eifelturm!

Versailles




Heute ist noch Zeit für eine Runde durch den Park. Das Schloss wird gerade renoviert, welche Überraschung (Renovierungsarbeiten sind der ständige Begleiter der Nebensaisonreisenden). Trotzdem, was für eine Pracht! Ich bin mindestens so beeindruckt wie die japanischen Reisegruppen um mich herum.
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Posted by: sabine
Mont Saint Michel

Der Mont Saint Michel ist unser nächstes Ziel. Damit verlassen wir die Bretagne, denn kurz vor der Insel verläuft die Grenze zur Normandie. Die Küste verliert – von diesem steinernen Inselmonument abgesehen – deutlich an Reiz, wird flach und leicht öde. Schade!, denken wir, und ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Ist diese Reise langsam zu Ende? Bald werden wir in Deutschland erwartet. Noch weht uns ein frischer Wind um die Nase. Luft und Meer, weiter Blick, viel Natur, daran haben wir uns gewöhnt.

Mont Saint Michel Mont Saint Michel

Mont Saint Michel Mont Saint Michel

Bevor sich Traurigkeit breit macht, schnell durch die Türme und hinein ins Gewimmel des Mont Saint Michel. Oh je.

Eine Menge Touristen und Souvenirs teilen sich eine enge Gasse. Deutsche, Briten, Franzosen und vor allem Japaner schnaufen die gut 400 Stufen zur Basilika rauf, ich mitten unter ihnen. Alle sind genervt von den fremden Schultern und Taschen und stehen sich gegenseitig im Bild herum.

Die angebotenen Souvenirs haben nur eins gemeinsam: ihren horrenden Preis. Es gibt den Mont Saint Michel in allen Varianten (aus Papier, Stein, Marzipan, Schokolade und Plastik, gemalt, gemauert, geklebt und sogar beleuchtet), Mönche, Kekse, viel keltischen Feenkitsch, Waffen aller Art, Rüstungen, Hanfhemden und die obligatorischen Olivenschälchen aus der Provence. Alles für das Küchenbord, für die Oma oder als ganz eigene Erinnerung an diesen tollen Tag. Das Ganze wird überlagert von Lautsprechermusik, die mir viel gute Laune bereitet: es ist tatsächlich der Soundtrack von X-Files.

Mont Saint Michel Mont Saint Michel

Doch, ja, diese Insel ist beeindruckend und hat Geschichte. Die Gebäude sind top in Schuss und wo nichts Originales mehr stand, wurde originalgetreu nachgebaut.

Ehemals als Kloster gebaut, wurde der Mont Saint Michel während der französischen Revolution vom Staat annektiert. Napoleon hat hier bis zu 15.000 Gefangene gehalten, meist Kleriker, die sich nicht ins staatliche System eingliedern lassen wollten.

Um 1900 lebte hier die für ihre Rezepte weithin bekannte Mme Poulange, in deren heute noch bestehenden Lokal die Wände voller Berühmtheiten hängen: Kissinger neben der Loren, Kennedy und Orwell, Thatcher und Callas. Hemingway schlug hier seine Station auf, während er über die Landung der Alliierten im zweiten Weltkrieg berichtete. Oder sich hat berichten lassen, während er Muscheln, Huhn, Crepes und Calvados goutierte.


Während der Flut (vor allem bei Vollmond) werden Teile des Parkplatzes überschwemmt. Die Verwaltung warnt mit großen Schildern. Obs hilft?

Die Tide ist hier gewaltig. Bis zu 15 Kilometer zieht sich das Meer während der Ebbe vom Ufer zurück. Die Flut kommt dann rasend schnell mit bis zu 8 km/h. Nicht ungefährlich für Wattwanderer, die zudem noch dem gefährlichen Treibsand ausweichen müssen.

Vor noch nicht langer Zeit war die Insel nur bei Ebbe zu erreichen. Mittlerweile führt eine breite, ständig freie Straße zu einem großen Parkplatz, auf dem mehrere hundert Fahrzeuge Platz finden. Das Problem der schleichenden Versandung liegt in den gezähmten Flüssen, die den angeschwemmten Schlick bei Ebbe nicht mehr zurück ins Meer transportieren. 100 000 Laster voller Sand lagern sich jährlich um den Mont Saint Michel ab. In den nächsten 5 Jahren möchte die Regierung mit einem großen Damm die Ebene wieder leer spülen und die Insel über eine Brücke mit dem Festland verbinden. Man wird sehen!
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Posted by: sabine
Wir fahren durch die Bretagne. 3.000 Küstenkilomenter haben wir hier zur Auswahl. Die Schilder sind zweisprachig, in Französisch und Bretonisch, was bei 20 Orten auf einem Schild schnell unübersichtlich wird. Im Blog würde das so aussehen: Die Bretagne (bretonisch Breizh) umfasst die Départements Côtes d'Armor (bret. Aodoù-an-Arvor), Finistère (bret. Penn-ar-Bed), Ille-et-Vilaine (bret. Ilh-ha-Gwilen)und Morbihan (bret. Mor-bihan). Die Hauptstadt der Bretagne ist Rennes (bret. Roazhon). Die Gallier nannten dieses Land Aremorica (bret. Arvorig von keltisch are-mor), was soviel bedeutet wie "Land vor dem Meer".

Point du Raz Point du Raz



Point du Raz Point du Raz
Bilder vom Point du Raz, einem wilden Felsen, den man auf eigene Gefahr ganz umklettern kann. Was wir natürlich gemacht haben.

Anstrengend ist das Bretonisch, aber es ist auch eine schöne Sprache, die nur noch wenige Alte und einige junge Lehrer sprechen und in den Schulen vermitteln. Noch im ersten Weltkrieg wurden die bretonischen Soldaten, oft des Französischen nicht mächtig, als Kanonenfutter in der ersten Reihe verheizt. Danach war Bretonisch ganz verboten. Schüler, die gegen diese Vorschrift verstießen, mussten als Zeichen der Schande ein Hufeisen um den Hals tragen und durften es erst ablegen, wenn sie einen anderen Mitschüler verrieten, der das verbotene Bretonisch sprach.

Erst seit kurzem wird Bretonisch wieder staatlich gefördert und gilt als schick. Die keltische Sprache gehört zum Zweig der Briten. Dieser Zweig hat sich parallel zum Gälischen entwickelt, der heute noch in vielen Teilen Schottlands und Irlands gesprochen wird. Die Ähnlichkeit dieser beiden Sprachen und Kulturen ist nicht zu übersehen. Auch Bodo findet, dass die Französinnen hier eher wie Engländerinnen aussehen. Und das ist leider kein Kompliment.
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Posted by: sabine
Bout du monde
Am Ende der Welt: „au bout du monde“ steht auf den Schildern am äußersten Ende des Cap Finistere. Passenderweise herrscht heute Nebel, der Leuchtturm liegt schon unsichtbar im Nirgendwo.

Die Bretagne, das ist auch die Sage von Merlin, von Artus und den Rittern der Tafelrunde.

Einst wollte der Teufel einen Stellvertreter auf Erden und besuchte zu diesem Zweck eine Jungfrau im Schlafe. Diese gebar einen Sohn, taufte ihn aber sofort auf den Namen Merlin, womit der Teufel alle Macht über ihn verlor. Merlin behielt aber viele seiner Kräfte, konnte seine Gestalt verändern, in die Zukunft schauen und Träume deuten.

So verhalf er dem unehelich geborenen Artus auf den Thron und schuf die Tafelrunde: einen runden Tisch, an dem sich 110 Ritter die Treue zu König und Kameradschaft schworen und die Regel aufstellten, den Armen und Schwachen zu helfen.

Bout du monde Bout du monde

Merlin selber hielt sich oft im verwunschenen Wald der Bretagne auf, dem Wald von Broceliande. Dort herrschte ein Riese mit nur einem Auge, auf dessen Geheiß Bäume in Flammen aufgingen, Lichtungen entstanden und verschwanden und fürchterliche Schlangen über Mensch und Tier herfielen. Zudem gab es verborgene Teiche, deren Oberfläche wie fester Grund aussah und in denen die Feen und Kobolde badeten. Verschüttete man einige Tropfen dieses Wassers, löste man damit sofort ein schlimmes Unwetter aus.

An einer dieser Quellen lebte Viviane, ein Schützling Dianas. Merlin, als sorgloser Jüngling verkleidet, traf eines Tages auf die schöne junge Dame und wusste gleich, dass er sie lieben und sie ihm seine Kraft rauben würde. Und so geschah es dann auch.

Guisseny Guisseny
Links: eine große Echse, vor langer Zeit zu Stein erstarrt. Rechts: Warten auf die Flut.
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Posted by: sabine
Wer durch die Bretagne reist, kommt an ihnen nicht vorbei: uralte, offensichtlich durch Menschenhand aufgestellte Steine, über deren Sinn oder Unsinn die Wissenschaft trotz immenser Anstrengung wenig Antworten findet. Es gibt Theorien über eine Verwendung als Kalender, als Prozessionsstraßen, für astronomische Berechnungen oder als Phallussymbole. So soll der Menhir von Kerloas nahe der Westküste jungen Pärchen bei Berührung unter bestimmten Bedingungen auch heute noch zu Nachwuchs verhelfen.

Carnac
Links eine typische bretonisch Kirche, rechts Menhire bei Carnac.

Wie auch immer, diese Steine stehen hier überall herum, mal in Gruppen umzäumt, mit Lehrtafeln und Touri-Minibahn, mal einfach im Vorgarten als Vogelbad. Durch ihr massives Auftreten in dieser Region wurden sie ab dem 18. Jahrhundert mit bretonischen Namen bzw. Kunstwörtern benannt. Die bekanntesten Megalithen sind die Menhire (men=Stein, hir=groß) und die Dolmen (dol=Tisch, men=Stein).

Alle sind sie Tausende von Jahren alt und alle fanden wir sie ziemlich langweilig, auch wenn wir die Leistung schon würdigen, die Dinger überhaupt aufzustellen. Der Menhir von Locmariaquer zum Beispiel war über 20 Meter lang, hoch wie ein sechsstöckiges Haus und wog 350 Tonnen. Wie die Megalithiker diesen Stein behauen, an diese Stelle geschleppt und aufgerichtet haben, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Zum Vergleich: Anno 1556 waren mit der Aufrichtung des Obelisken auf dem Petersplatz in Rom, der halb so schwer ist wie der Menhir von Locmariaquer, 800 Arbeiter mit 70 Pferden fast ein Jahr lang beschäftigt.

Aber, wie der Reiseführer betont: „Die Steine bleiben stumm“.
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Posted by: sabine
Die Sonne strahlt leidlich, wir ruhen einen Tag aus. Wir haben uns gut zusammen gefunden in unserem kleinen Heim. Oft sitzen wir abends da, schauen uns um, finden die Einrichtung einfach wunderschön und wundern uns, wieso wir nichts vermissen und uns nie langweilen. Wir gehen uns trotz des geringen Platzangebots kaum auf die Nerven – und wenn, geht einer mal kurz spazieren.

Lieblinge Lieblinge
Das schöne Vagabundenleben...

Rififi hat seine Stammplätze im Shelter. Dort verschläft er alle Tage, nur abends wird er kurz wach, fegt durch die Hütte und jagt Geistermäuse. Einmal die Woche geht er mal für 10 Minuten raus, wenn es nicht zu viel Wind gibt und keinen Regen. Nur wenn es irgendeine Chance auf etwas zu essen gibt, kommt die alte Campingplatzkatze durch und er ist schnell wach.

Ansonsten bringt er uns fast täglich zum Lachen. Rififi antwortet tatsächlich, wenn man ihn ruft und kommentiert gerne seine Aktivitäten. Wenn wir essen, setzt er sich neben uns. Dann fallen ihm langsam die Augen zu und er fängt an zu schwanken. Manchmal vergisst er, das Maul zuzumachen und schaut dann mit offenem Mund doof in der Gegend rum. Wir haben wirklich viel Spaß mit ihm.

20/05: Quiberon

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Posted by: sabine
Wir fahren nach Quiberon, einer der beliebtesten Urlaubsgegenden der Bretagne. Der Golfstrom verleiht diesem Landstrich ein besonders mildes Klima, und so sind Palmen keine Seltenheit in den gepflegten Gärtchen. Überall stehen schöne Steinhäuser mit bunt lackierten Fensterläden, so hübsch, ich würde direkt eins mitnehmen.

Quiberon QSuiberon
Links checken Bodo und Rififi den Strand - mit Rückendeckung.
Rechts: Ein stetes Lüftchen formte diese Landschaft.


Entlang der einen Seite der Halbinsel erstreckt sich die "Côte Sauvage", eine zerklüftete und vom Wind zerrupfte Gegend. Hier brettern Wind und Wellen gegen die Küste, dass wir die ganze Nacht im Shelter hin- und herschwanken. Dafür ist dann die andere Seite der Insel relativ windgeschützt. Kurz vor Quiberon ist die Insel nur ca. 100 Meter breit. Auf der einen Seite rollen schaumgekrönte Wellen auf die Felsen, während auf der anderen Seite das Wasser sanft über den weißen Sand plätschert.
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Posted by: sabine
Da fährt man ein Stück nordwärts und ist plötzlich – wo eigentlich? Auf jeden Fall nicht mehr im selben Frankreich wie vorher. Bretagne heißt das offiziell, bretonisch die Sprache und keltisch der kulturelle Hintergrund.

Vannes Vannes

Erstmal machen wir Pause in Vannes (bretonisch Gwened) im Golf von Morbihan. Das ist ein von 60 Inseln (meist Privatbesitz) durchsetztes kleines Binnenmeer. Nahe Orte sind Arven und Rohan. Tolkien war hier, eindeutig.

In Vannes ist Markttag mit frischen Erdbeeren, Artischocken, riesigen Käseständen und einer eigenen Fischhalle voll der buntesten Fische, Austern (klar) und Krebse. Die Innenstadt ist alt, voller Fachwerk und sehr nett. Verkaufsschlager im Touristikbereich sind Ringelpullies, Holzschuhe und Leuchtturmliteratur. Und ich gehe erstmal auf Informationssuche, was ich mit all dem anfangen soll. Dazu dann demnächst hier mehr.

Haube
Aus der Zeit der englischen Besatzung stammt die traditionelle Kopfbedeckung der Frauen, die Quichenotte. Scherzhaft wird behauptet, dass sie verhindern sollte, dass die Frauen dauernd von den Engländern geküsst wurden. (Quichenotte = Kiss not)
Category: Frankreich
Posted by: sabine
St. Nazaire ist wie La Rochelle eine französische Hafenstadt am Atlantik und damit hat sich’s mit den Gemeinsamkeiten. St. Nazaire ist ziemlich hässlich, voller Industrie, laut, dreckig, aber auch voller Geschichten und Abenteuer.

St Nazaire St Nazaire
Anfahrt auf St. Nazaire über den "Pont de Saint-Nazaire à Saint-Brévin", eine 3,3 km lange Hängebrücke über der Loiremündung.

St. Nazaire liegt an der Loire, die hier so gar nichts von der Schlösschen-Heimeligkeit nahe Paris zeigt. Im größten Atlantikhafen werden seit 100 Jahren Kreuzfahrtschiffe gebaut, zuletzt die Queen Mary II, das aktuell größte und luxuriöseste Kreuzfahrtschiff der Welt. Beherrschend im besichtigungsfreien Hafen sind allerdings die alten deutschen U-Boot-Bunker, von denen aus im zweiten Weltkrieg die berüchtigten Rotten starteten.

Damit machte sich St. Nazaire unfreiwillig zum Lieblings-Bombenziel der Alliierten. Glücklicherweise wurden die Bewohner 1942 rechtzeitig evakuiert, bevor hunderte von Bomben 85 Prozent der Stadt platt machten. Nur den U-Boot-Bunkern - in 301 Metern Länge und 18 Metern Höhe verbaute 480 000 qm3 Stahl und Beton - konnten die Bomben nichts anhaben und das muss den Strategen eigentlich vorher klar gewesen sein.

UBoot UBoot
Die „Espadon“, voll gespickt mit erbeuteter deutscher Technik, war von 1960 bis 1985 als Forschungsschiff im Einsatz, verfügte aber auch über 20 Torpedos. Man weiß ja nie.

Heute ist das ausgemusterte französische U-Boot „Espadon“ (Schwertfisch) zur Besichtigung freigegeben. Es wurde für die Touristen um eine Einstiegs- und Ausstiegstreppe erweitert, ein wenig brisante Technik wurde entfernt, aber ansonsten ist alles noch am rechten Platz.

Erwartungsgemäß ist es eng im U-Boot. Zwei Kojen stehen für drei Mann zur Verfügung, Schichtwechsel nach dem Prinzip der „warmen Koje“. Kuschelig. Eine Toilette und eine (kalte) Salzwasserdusche mussten für 65 Mann reichen, die bis zu 45 Tage unter Wasser blieben – dann mussten die Batterien per Dieselmotor aufgeladen werden. Luxus gabs nicht, zur Intimsphäre keine Möglichkeit. Beim Tauchen knnirschte sich der Stahl beim Verbiegen aufgrund der Druckverhältnisse, das Sonar tönte durch den Rumpf, weiße und rote Lampen simulierten eine Art Tagesablauf. Das alles muss man schon abkönnen!

UBoot UBoot
Dicht auf dicht im und auf dem Boot: kein Platz Extrawürste.

Eindrucksvoll, aber wir sind schon froh, als uns nach einer Stunde wieder Hafenluft und sogar Regen um die Nase weht. Der ganze Betonkomplex steht unverändert und frei in der Gegend und ist nicht kaputt zu kriegen, von Bomben nicht, von 60 Jahren Witterung nicht und auch nicht durch die Tonnen von Taubenscheiße, über die wir zum Ausgang waten.

Flagge
Die bretonische Flagge vor St. Nazaire? Im Vichy-Regime wurde der eigentlich bretonische Bezirk Loire einfach abgezwackt, was seitdem demokratisch nicht legitimiert wurde. Für viele Einwohner gehört ihre Stadt daher zur Bretagne.
Category: Frankreich
Posted by: sabine
La Rochelle, Ausgangspunkt vieler Weltumseglunger, zentraler U-Boothafen im zweiten Weltkrieg (und Kulisse für „Das Boot“), das ist doch schon eher was für uns. Auf einem großen Parkplatz mit Wiese kann man günstig stehen und wird kostenlos ins Zentrum geshuttelt. Perfekt!

La Rochelle La Rochelle
La Rochelle La Rochelle

La Rochelle liegt im Westen Frankreichs, an der Küste des Atlantiks, ist ca. 480 km von Paris entfernt und besitzt rund 76.500 Einwohner. Hier gefällt uns es uns direkt gut. Das gesamte Stadtbild ist harmonisch, interessant und einladend. In der Altstadt ist ein Gebäude schöner als das andere. Türgriffe, Steinarbeiten, Fassadenmalereien – drei Tage lang streife ich durch die Gassen, den Fotoapparat immer im Anschlag.


Tuer Tuer Tuer

Im Flakonmuseum sind Tausende der kleinen Schönheiten zu besichtigen, darunter auch zwei Flakons mit der Aufschrift: „Avant l´amour“ und „Apres l´amour“. Liebesgeschenke von französischen Königen an ihre Geliebten stehen neben in Konservendosen geschmuggelten russischen Parfüms. Das Betreiberehepaar des Museums mit angeschlossenem Shop, toupiert, weißgepudert und weit in den Siebzigern, erzählt kichernd von der abenteuerlichen Flakonbeschaffung.

La Rochelle La Rochelle

Die Festung La Rochelle galt bis ins 17. Jahrhundert als uneinnehmbar. König Karl IX feuerte 34.000 Kanonenkugeln auf die Stadt, unternahm acht erfolglose Sturmangriffe und verlor über 20.000 Mann, ehe er aufgab.

Erst Ludwig XIII war 1628 so schlau, eine Seeblockade einzurichten, um die Einwohner vom Nachschub abzuschneiden. Das funktionierte. An manchen Tagen wurde über die Hälfte einer Kompanie verhungert aufgefunden, welche die Nachtwache auf einem Wall übernommen hatte. Selbst Gras und Schuhsohlen wurden gegessen. Als La Rochelle endlich aufgab, waren drei Viertel der Einwohner verhungert und Ludwig fast Pleite. Da konnten ja alle mächtig stolz auf sich sein.



Heute befindet sich in der Mitte des Zentrums der Hafen mit den beiden charakteristischen Türmen. Mehrere Hafenbecken sind mit Yachten aller Couleur gefüllt und täglich treffen neue Superyachten auf Riesentrucks ein, die mit einem riesigen Hebekran zu Wasser gelassen werden. Bodo ist entzückt.

Von U-Booten allerdings sehen wir nichts, auch die Weltumsegler machen sich rar. Aber ein Forschungsschiff gibt’s zu besichtigen, die France 1. Bis 1989 pflügte sie durch die Nordmeere, sammelte Forschungsdaten und rettete Leben, dann wurde alles liebevoll konserviert und der Öffentlichkeit übergeben. Jetzt kann man durchs Maschinendeck, durch die Kombüse und die Kajüte stiefeln. In letzterer hat eine Mitarbeiter mit Sinn fürs Realistische sogar ein Penthouse positioniert.

Museum France 1 Museum France 1
Museum France 1 Museum France 1
Hübsches französisches Forschungsschiff und auf der Kommandobrücke: alles deutsche Wertarbeit von Siemens und AEG.
Category: Frankreich
Posted by: sabine
Ile d´Oléron und Ile de Ré – das sind für Franzosen und Frankophone endlose atlantische Sandstrände, pittoreske Fischerhäuschen und Austern bis zum Abwinken.

Die Strände sind tatsächlich lang und sandig, aber auch algenstinkig. In die bunten, gewollt verfallen wirkenden Häuschen ist junges Volk eingezogen, das den Abstand zu den Großstädten sucht, indem es uns 6,40 EUR für zwei Milchkaffe berechnet (jaja, die Münchner verstehen diesen Witz natürlich nicht...).

Die Austerngärten sind allerdings echt beeindruckend und dazu kostenlos. Der Tidenhub ist hier so groß, dass sich das Meer zur Ebbe kilometerweit zurück zieht. Dann pesen die Austernzüchter los, amphibische Bauern sozusagen, um ihre Ernte einzufahren. Die Wasserqualität ist hier ausgezeichnet, Naturschutz wird vorgeschoben, vorrangig geht aber es um den Geschmack der Austern, der vom Nahrungsangebot, der Sauberkeit des Wassers, von seinem Salzgehalt, von der verfügbaren Planktonmenge und vielen weiteren Faktoren abhängt.

Ile Oleron Ile Oleron
Ein Tropfen Zitrone und die Austern zucken vorm Verschlucken. Seltsam, was?

Austern werden lebendig geöffnet und roh verschlungen. Zu den Orgien der römischen Kaiser wurden Austern geschlürft, die aus den Austernparks von Marennes/Oléron mit Pferdegespannen nach Rom transportiert wurden. Casanova und Balzac, so ist überliefert, pflegten vor dem Liebesakt gewaltige Mengen von Austern zu verzehren. Vatel, Leibkoch Ludwig XIV, soll sich wegen einer fehlenden Lieferung Austern das Leben genommen haben.

Ich kann mich nicht überwinden, zu probieren, Bodo ist auch nicht interessiert und so verlassen wir die Gegend nach einem Tagen austernlos wieder.
Category: Frankreich
Posted by: bodo
Es hatte mich hinaus gezogen, nach Monaten der Enge in unserem Wohnmobil. Mein Körper schrie geradezu nach Bewegung, also beschloss ich zu wandern. Das kommt selten vor. Der Canal Du Midi bot sich an, weil er gerade da lag, als mir danach war. Er führt von Toulouse nach Osten und schafft damit ab der Garonne die weitere Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer. Die Strecke von Toulouse bis nach Carcassonne schien mir angemessen, das war ungefähr die Hälfte der gesamten Länge.

Bodo auf Kanaltour Bodo auf Kanaltour

Tags zuvor bereits war ich mit Bine unterwegs gewesen, etwa 13 Kilometer von Carcassonne zurück nach Trèbes. Das reichte natürlich nicht als Vorbereitung, aber es reichte, dass ich mich kurz nach dem Start bereits so fühlte, als sei ich längst angekommen. Trotzdem marschierte ich weiter, als sei der Teufel hinter mir her. Ich trank kaum etwas, weil ich zu wenig dabei hatte, und beides war insgesamt nicht so schlau. Und ich machte keine Pausen. Anfangs dachte ich, man müsse immer weiter gehen bei so einer Unternehmung, aber das war natürlich falsch. Ich merkte bald: Ich konnte anhalten, wann ich wollte und stehen und sitzen oder liegen und auch nachdenken, wann ich wollte, oder halt auch nicht.

Im Wanderführer zum Kanal stand, es sei egal, ob man die Strecke von Ost nach West gehe oder umgekehrt. Das stimmt nicht, dachte ich, denn meistens kommt in dieser Gegend der Wind aus Osten, und wenn man so geht wie ich, dann hat man die ganze Zeit Gegenwind. Das ist weit unangenehmer als man denkt. Auf der anderen Seite wiederum ging es ja nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen, da hätte ich ja nicht zu Fuß gehen brauchen. Es war halt wie es war, und am Ende hatte der Reiseführer Recht.

Ich fror bald, also zog ich die neueste Jacke aus Megatex an (oder Hyper- oder Gigatex, ich hab’s vergessen). Kurz danach schwitzte ich. Und dann fror ich wieder, weil sich die Natur auch durch Jacken aus dem All nicht überrumpeln lässt. Das gefiel mir. Die Knie taten mir weh, weil der Körper doch an sich selbst schon genug zu tragen hatte, und dann zwang ich ihm auch noch Last auf. Es war nicht der Rucksack, der wog. Der Geist war es, der drückte. Draußen war Stille, aber im Kopf da krachte es. Weil der Gedankenzug anfing, seit Jahren stillgelegte Gleise zu befahren, um dann unerwartet an längst vergessenen Bahnöfen zu halten. Gerüche von draußen erzeugten Bilder von drinnen, Bilder von früher, Bilder von damals.

Bodo auf Kanaltour Bodo auf Kanaltour

Ich wusch mir das Gesicht im Kanal und war erstaunt, es schmeckte salzig. Aber als ich nachdachte, war es mir klar, und so ergab sich die Gelegenheit, die Hände gleichzeitig in den Atlantik und ins Mittelmeer zu halten.

Schilder am Kanal zählten auf, was erlaubt war, nicht was verboten war. Man durfte zelten, man durfte ein Lagerfeuer machen, Rad fahren sowieso, und überhaupt: man durfte hier offensichtlich seinen Spaß haben. Ich überlegte, wo das in Deutschland noch so war, aber vielleicht kam hier in Frankreich ja auch niemand auf die Idee, sein Lagerfeuer direkt in einem angrenzenden Weizenfeld aufzubauen. Vielleicht funktionierte hier der gesunde Menschverstand ja noch, und vielleicht lag das daran, dass er noch nicht wegverordnet worden war. Darüber hinaus war der Kanal und auch seine Umgebung tatsächlich sauber. Eine weggeworfene Bananenschale vielleicht, einmal sogar eine Plastiktüte mit Abfall, dann aber zugeschnürt und stilvoll an den Baum gehängt.

Ich fand meinen Rhythmus und merkte bald, der Kanal war vielleicht der Grund, dass ich unterwegs war, aber längst nicht mehr das Ziel. Er war zur Nebensache geworden, obwohl er immer präsent war. Ich beobachtete jemanden, wie er seinen Weg nahm, ab und an stehen blieb, sich Notizen machte und dann weiter ging. Als ich näher kam und zu ihm aufschloss merkte ich, dass ich es selbst war. Ich schaute nach rechts, sah den Kanal und wusste, es war noch alles in Ordnung.

Nach etwa der siebten Flussbiegung wiederholten sich die Eindrücke, und das Schleusen der Boote war auch nicht mehr so interessant. Ich konnte anfangen, mir über andere Dinge Gedanken zu machen. Über mitgeführtes Mineralwasser der Marke Contrex zum Beispiel. Ich wusste, wie Quellwasser schmeckt und hatte eine Menge verschiedener Marken probiert, aber das hier war etwas anderes. Dieses Lebensvergiftungsmittel würden nicht einmal die Marokkaner ins Meer gießen, dachte ich, einfach widerlich dieses Zeug. Oder Trekkingsocken der Marke Falke. Irgendwann hatte ich sie entdeckt und seitdem kaum noch andere gekauft. Sie trugen sich fantastisch und hielten mehr als zehn Jahre, aber halt nicht ewig. Deswegen hatte ich kurz vor der Reise neue kaufen müssen. Ich zog sie an und hatte binnen einer Stunde Blasen am Fuß. Später verglich ich die alten Socken mit den neuen. Die alten fühlten sich an wie Natur, sie rochen so und sie sahen auch so aus, weich aber fest und irgendwie echt. Die neuen hingegen fühlten sich an wie geschredderte Plastiktüten. So kam es, dass am Abend zwei Paar Socken auf den Grund des Flusses sanken, gefüllt mit Steinen.

Zeltplätze fanden sich direkt am Kanal, und neue Geräusche und Gerüche gab's dazu. So fand ich Muße zu entspannen; vor dem Zelt mit Hemingways "In einem andern Land", im Zelt mit Feiningers "Fotolehre" (ein Muss übrigens für jeden, der mehr will als Knipsen).

Bodo auf Kanaltour Bodo auf Kanaltour

Irgendwann traf ich Bruder André. Er war vor längerer Zeit ein halbes Jahr in Indien gewesen, und als er zurückkam, konnte er sie nicht mehr aushalten, diese Verlogenheit in seinem Land. Also warf er seinen Pass fort und kündigte seinem Staat. Er hängte sich ein Kreuz um, fing an zu beten und zieht seitdem durch die Welt. Wir haben uns gut unterhalten, und als ich fort ging, hat er sich neben seinem Zelt aufgebaut und ein Kirchenlied für mich gesungen, und ich durfte ihn fotografieren dabei, wo er doch sonst immer nein sagte.

Die kleine schwarz-weiße Taube fand ich am nächsten Tag. Sie war wohl in den Kanal gefallen, vor längerer Zeit schon, denn es steckte kaum noch Atem in ihr. Aber sie hat’s nicht hergeben wollen, ihr kleines bisschen Leben, darum hat sie immer noch geschlagen mit den Flügeln und geschrien hat sie. Da habe ich sie rausgezogen und war damit ganz eindeutig ein Held, für einen Tag.

Und dann traf ich Bruder André noch einmal. Er war mit dem Rad auf dem Weg nach Narbonne, wo er am nächsten Tag einen Termin hatte mit einem Kirchenoberhaupt. Das war kaum zu schaffen, deshalb gab ich ihm Geld für eine Bahnfahrt. Bruder André gab mir einen Stein dafür. Das war ein fairer Tausch, denn der Stein war lange Zeit bei ihm gewesen, und so wohnten wohl eine Menge feierlicher Gedanken in ihm.

Ich zog weiter am Kanal entlang, und es wurden insgesamt vier Tage daraus. Tage mit Einsichten und Tage mit Aussichten. Irgendwann schaute ich ein letztes Mal nach rechts. Der Kanal war noch da, auch wenn er das letztendlich den Engländern zu verdanken hatte. Sie hatten den Bootstourismus eingeführt und damit dafür gesorgt, dass die Franzosen den Kanal nicht vergaßen, nach seiner Stilllegung im Jahr 1989.

Eindrücke gab es eine Menge, aber die muss man nicht verarbeiten wollen. Irgendwann werden sie wieder hochkommen, mit ein wenig Glück im richtigen Moment. Vielleicht werde ich mich erinnern und innehalten und nachdenken oder auch nicht, weil der Mensch im Grunde nicht viel lernt durch so ein Erlebnis. Weil alles schon in ihm drin steckt, seit Urzeiten. Er hat es nur vergessen.

Der Kanal würde noch da sein, wenn ich längst wieder weg war. Und am Ende hatte dieses Erlebnis denn auch weniger zu tun mit dem Canal Du Midi, als vielmehr mit einer kleinen Reise zu mir selbst (oder aus mir heraus).

Aber diese Erkenntnis ist ja nicht neu.
Category: Frankreich
Posted by: sabine
Kanal
Abendstimmung am Canal du Midi
Category: Frankreich
Posted by: sabine
Ein Wasserweg zwischen Mittelmeer und Atlantik wäre eine prima Sache, dachten sich schon Augustus, Nero, Karl der Große und Heinrich IV. Frachten und Informationen wären leichter zu transportieren – also florierende Wirtschaft, gute Steuereinnahmen, Überwachungsmöglichkeit der Untertanen und damit Umsetzung der eigenen Autorität.

Doch die Probleme dieses Projekts blieben ungelöst. Hinter Toulouse gibt es keinen ganzjährig schiffbaren Fluss, also woher das Wasser nehmen? Der Höhenunterschied zwischen Toulouse und Mittelmeer beträgt 190 Höhenmeter, wie sollte das bewältigt werden? Und dann: wer kann das bezahlen?

Im 17. Jahrhundert schließlich überwand ein Mann alle Hürden gleichzeitig. Pierre-Paul Riquet, der zwar weder Ingenieur noch Hydrologe, dafür aber gewitzt, entschlossen und ehrgeizig war, lieferte Lösungen. Genügend Wasser gebe es in den benachbarten Bergen, die Höhenunterschiede sollten mit einem Schleusensystem geregelt werden und für die Hälfte der Summe werde er selbst aufkommen. )

Er stellte seine Pläne Ludwig XIV vor und nach einigen Überprüfungen und Probebauten konnte Riquet loslegen. 14 Jahre lang sollte dieses größte Ingenieurprojekt des 17. Jahrhunderts dauern, in der Hochphase über 12.000 Menschen beschäftigen und das gesamte Familienvermögen (inklusive der Mitgift seiner Töchter) verschlingen.

240 Kilometer Canal wurden ausschließlich mit Spitzhacke und Schaufel ausgehoben. Erstmals in der Geschichte setzte Riquet Schleusen ein: er optimierte Originalpläne von Leonardo da Vinci durch breitere Becken, die eine bessere Verteilung des Axialdrucks boten. Er baute mehrstufige Schleusen (z.B. die siebenstufige Schleuse bei Bézier mit 25 Höhenmetern), Rundschleusen, in denen ganze Boote wie in einem Rangierbahnhof wenden können, Canalbrücken über Flüsse und sogar einen Tunnel. Insgesamt bietet der Canal du Midi 350 Kunstbauten, darunter 126 Brücken, 55 Aquädukte, 6 Staudämme, 7 Canalbrücken und 63 Schleusen.

Obwohl Riquet alle technischen Schwierigkeiten meisterte, verschlang das Projekt doch wesentlich mehr Zeit und Geld als geplant. Zudem versuchte ein enger Mitarbeiter, das Projekt und dessen Erfolg bei Ludwig XIV für sich selbst zu verbuchen, glücklicherweise erfolglos. Läppische 4 Kilometer fehlten, als Riquet, ausgezehrt und verschuldet, 1680 das zeitliche segnete. Seine Söhne erbten eine große Aufgabe und einen riesigen Schuldenberg, den sie erst 1724 abgearbeitet hatten. Bis 1789 konnten sie satte Gewinne einstreichen, dann stürmten die Bauern die Bastille und der Canal ging in Staatseigentum über.

Zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert erreichte die Binnenschifffahrt ihren Höhepunkt, kam aber schließlich gegen die Eisenbahn nicht mehr an. 1989 wurde die letzte Fracht auf dem Canal transportiert. Hätten sich die Engländer nicht in den charmanten Canal verliebt und angefangen, ihn mit Hausbooten zu befahren, es wäre wenig übrig von den handbetriebenen Schleusenanlagen, den romantischen Wärterhäuschen und den alten, von teils 300 Jahren alten Bäumen gesäumten Treidelpfaden. So aber wurde Dornröschen wach geküsst und alles fand ein Happy End: 1996 wurde der Canal in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen, zusammen mit der Burganlage „La Cité“ in Carcassonne.
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Posted by: sabine
Der Legende nach erhielt die Stadt ihren Namen nach folgender Begebenheit: Karl V belagerte monatelang die Festung, die unter der arabischen Herrschaft einer Dame namens Carcas stand. In der Festung herrschte Hunger, nur noch ein Schwein und ein Scheffel Weizen standen den Belagerten zur Verfügung. Die Dame Carcas setzte auf psychologische Kriegsführung, stopfte das Schwein mit Weizen voll und warf es Karl V vor die Füße. Dieser, überrascht über die Sauerei vor seinen Füßen, rief laut aus: Wenn die noch so viel zu essen haben, dass sie mit Vieh um sich werfen können, macht eine Belagerung wohl keinen Sinn! Sprach’s und zog ab. Dame Carcas ließ läuten („Carcas sonne“), Karl kehrte um und beide einigten sich gütlich.



Eine schöne Geschichte um eine imposante, riesige Burg. Mehrere Kilometer lang, zwei Burggräben, runde Türme, schwarze Dächer, hohe Zinnen, Schießscharten, heute noch 120 Einwohner, die ihrem täglichen Handwerk nachgehen, jährliche Ritterfestspiele, eine Burg wie im Bilderbuch, ein wahr gewordener Kindertraum, ein begehbares Märchen. Denke ich mir und stiefele los.

Zwei Busbahnhöfe, einen Minizug, mehrere Gassen mit Ritterzubehör aus Plastik, Töpferware aus der Provence, Indianerschmuck aus Peru, Küchenschürzen im Flamencostil und – Höhepunkt – Kathedralenfiguren aus Gips später bin ich schlauer. Disneyworld könnte es nicht besser hinkriegen.



Natürlich sind die Gassen, Türme und die Zinnen echt. Der Brunnen ist da, auf dessen Grund ein Schatz der Westgoten liegen soll: „Die wunderbaren Kerzenleuchter von Salomon, mit Edelsteinen geschmückte Vasen, die die Römer seinerzeit aus Jerusalem geraubt hatten.“
Der Platz unter der Weide, an dem die legendären Trencavel mit ihren 60 Rittern Hof hielten, der mutige Roger II und die schöne Azalais, sich von Kreuzzügen erzählten, von Minnesängern unterhalten ließen und dem König und der katholischen Kirche in ihrem ketzerischen Aquitanien trotzten.



Im 18. Jahrhundert war das Reich vereint und die alten Herrscher vertrieben. Die Türme wurden als Schuppen genutzt, die Kathedrale als Stall und die Befestigungsmauern als Steinbruch. Kurz vor dem 1850 beschlossenen Abriss entdeckten Historiker den Komplex und begannen mit dem Wiederaufbau im eigenen Stil. Die Renovierer des 20. Jahrhunderts haben dann wieder Wert auf Authentizität gelegt, heißt es. Schön. Nur ist jetzt alles so geputzt, so geleckt, so fertig aufbereitet, so perfekt angestrahlt, dass kein Platz mehr für Entdeckungen bleibt. Zwei Millionen Besucher pro Jahr möchten entertaint werden, ich türme. Und träume lieber.
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Posted by: sabine

           

Als Kontrastgeschichte zu dem ganzen Kulturkram ist heute Kartrennen angesagt. Bodo bekommt Helm und Einweisung (nicht umdrehen, nicht rammen, kein Zickzack) und fährt los. Drei ca. zehnjährige Dreikäsehoch folgen in baugleichen Wagen, allerdings mit 45 Kilo weniger Lebendgewicht pro Nase und zwei Jahren Erfahrung auf dieser Bahn. Sie fahren Zickzack, rammen Bodo und alle haben Spaß.

05/05: Latest News

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Posted by: sabine
Kanal du Midi

Bodo geht’s gut, er ist in zwei Tagen 50 Kilometer gelaufen. Die Gelenke schmerzen wohl nach den 12.000 Kilometern, die wir meist sitzend durch Europa und Afrika gereist sind, aber er hält durch, der Held! Und bringt bestimmt tolle Fotos mit.

Nachdem der Campingplatzbesitzer spitz gekriegt hat, dass ich allein bin, hat er mich erst freundlich darauf hingewiesen, dass es so 1,50 Euro billiger ist pro Tag und anschließend noch freundlicher zum Pernot eingeladen. Die Franzosen!
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Posted by: sabine
Wir nehmen den 8 Uhr Bus von Trèbes nach Carcasonne, dann den Zug nach Toulouse. 10.00 Uhr stehen wir am Kanal, Bodo mit Rucksack, ich ohne. Vor die Option gestellt, mit 15 Kilo auf dem Rücken die nächsten Tage 120 Kilometer zu laufen, nur von windigen Nächten im Zelt unterbrochen oder mir ein paar nette Tage faul und allein im Shelter zu machen, habe ich lange mit mir gerungen, mich aber schließlich für letzteres entschieden. Bodo stiefelt also los, ich winke, weg ist er...

Toulouse Toulouse
Südliche Rollenverteilung: Mutterschiffe und Weltverbesserer

Um nicht zu tief in Trauer zu versinken, stürze ich mich ins Toulouser Vergnügen. Hier herrscht eine ganz eigene Stimmung. Das Hafenleben und das Alter sieht man der Stadt an, als Frau wäre Toulouse eine verlebte Blondine mit rauchiger Stimme. Menschen unterschiedlichster Couleur bevölkern die Straße: gemütliche Südfranzosen, gelangweilte Marokkaner, relaxte Zentralafrikaner, dazwischen merkwürdig gehetzte Japaner und geschniegelte Briten. Die aktuelle Damenmode diktiert aktuell eine Art Cocottenstil mit Haremsanleihen. Die Mädels präsentieren sich in Schnürmiedern, Zipfelröcken über Pluderhosen, riesigen Ketten und Ballerinaschuhchen. Unnötig zu erwähnen, dass auch dieser Stil nur wenigen Frauen angeraten scheint. Hier aber passt es zu der Stadt, als würden die letzten Jahrhunderte gleichzeitig durch die Straßen schimmern.

Toulouse Toulouse
Hotel d´Assézat: ein mit Pastel-Handel (blauer Farbstoff) reich gewordener Händler baute diesen Palast in italienischem Stil. Sehr hübsch!

Toulouse Toulouse
Links Pont Neuf, trotz des Namens mit 400 Jahren älteste Brücke über die Garonne. Rechts Impressionen vom Capitole-Markt. Ein Kopf ist echt...

Restlos entzückt bin ich, als ich Comicshop neben Comicantiquariat entdecke. Großalarm herrscht in den Geschäften: Bilal, ein angesagter Comiczeichner aus Bosnien, hat sich zum Launch eines neuen Bandes persönlich angesagt. Der Tag ist für mich natürlich gelaufen. 2 Flohmärkte, 4 Antiquariate, 15 Läden und 6 Stunden später hetze ich mit 20 Kilo Comics zum letzten Zug nach Carcasonne (um 16.00 Uhr!). Der letzte Bus von Carcasonne nach Trèbes ist weg, aber der Schulbus nimmt mich noch mit. Und wenn ihr die nächsten Tage von mir nix mehr hört, wisst ihr wieso.

Toulouse Toulouse
Heilige Hallen. Am rechten Rand des Couvent des Jacobins, in den weißen Tüchern, da liegt der heilige Thomas von Aquin.
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Posted by: sabine
Trebes Trebes

Die letzten Tage haben wir uns in Trèbes auf dem Campingplatz niedergelassen und die Gegend erkundet. Der Kanal du Midi ist wirklich zu charmant, Mama und Holger dürften es wissen. Per Mietboot kann man gemütlich durch die südfranzösische Gegend motoren und Wind, Sonne und rauschende Bäume genießen. Alle paar Kilometer ist dann Schleusen angesagt: alle Mann an die Taue und das ganze Prozedere (einfahren, anlegen, Taue um die Poller, Höhenunterschiede ausgleichen, Leinen einholen, ausfahren) vor den Augen neugieriger Touristen möglichst Pannenfrei über die Bühne bringen.

Kanal Kanal

Bodo ist hingerissen von der Atmosphäre und beschließt, die 120 Kilometer vom Anfang des Kanal du Midi in Toulouse bis Trèbes noch einmal zurückzulegen – zu Fuß. Wir haben ja alles dabei: Zelt, Isomatte, Schlafsack, Rucksack, Messer, Schere, Licht.

Heute machen wir also einen Probelauf, 13 Kilometer von Carcasonne nach Trèbes. Es ist ruhig, warm, schattig, wundervoll. Dann kann´s ja morgen losgehen!